late nite lacan: schön obszön! zu einer theorie der entrüstung

Noah Holtwiesche & Sándor Ivády
Montag, 06. Dezember 2010, 20:00 Uhr
IWK, Berggasse 17/1 (Wien)
- Eintritt frei -

»Das ist ja obszön!« – Banker-Boni, Burka, Sex und institutionelle Willkür – das Obszöne erregt die Gemüter und ist nicht erst seit Gestern en vogue. Längst nicht mehr nur Mittel künstlerischer Provaktion oder Ausdruck religiöser Eitelkeiten, ist aus der Empörung über das Obszöne ein wichtiges politisches Instrument geworden. Was aber bringt ein Subjekt dazu, sich vor aller Welt zu empören, und sich damit der Erniedrigung hinzugeben, so anklagend seine Ohnmacht angesichts der ihm ins Auge springenden Obszönität öffentlich darzustellen? Die Funktion des Zeigens ist entscheidend, und zwar in einem doppelten Sinn: Das Hinweisen auf eine Gesetzesübertretung weist zugleich zurück auf das sich lächerlich spießig an das Gesetz klammernde Subjekt, und belegt damit, wie sehr es von diesem abhängt. So bewahrt sich das Subjekt in diesem paradoxen Akt der Veräußerung eines Genießens an den Anderen insgeheim einen Teil davon. Wie trägt die Entrüstung zur Konstitution des Subjekts bei? Welches Verhältnis zum Gesetz artikuliert sich in der öffentliche Empörung? Anhand dieser Leitfragen entwickeln wir unseren Beitrag.

der schleier als symptom des liberalen subjekts. zur identifizierung des unidentifizierbaren

zusammen mit ANDREA WALD

In the nomadic vision of the world, where one rejoices at the incessant circulation and exchange of bodies, it is clear that a coin can think itself the freest thing in the world: it is what circulates the most.
(Alain Badiou, Polemics)

Nackte Tatsachen
Anlässlich des Beschlusses des belgischen Parlaments, die Vollverschleierung von Frauen in der Öffentlichkeit unter Strafe zu stellen, äußerte sich die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Silvana Koch-Mehrin am 2. Mai 2010 in der Bild am Sonntag mit einem Gastbeitrag zur Burkadebatte:

Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland – und in ganz Europa – das Tragen aller Formen der Burka verboten wird.
Wer Frauen verhüllt, nimmt ihnen das Gesicht und damit ihre Persönlichkeit. Die Burka ist ein massiver Angriff auf die Rechte der Frau, sie ist ein mobiles Gefängnis.
Die vollständige Verhüllung von Frauen ist ein aufdringliches Bekenntnis zu Werten, die wir in Europa nicht teilen.
Und ich gebe offen zu: Wenn mir auf der Straße voll verschleierte Menschen begegnen, bin ich irritiert. Ich kann nicht einschätzen, wer da mit welcher Absicht auf mich zukommt. Ich habe keine Angst, aber ich bin verunsichert.

Nehmen wir diesen Beitrag zur Debatte um den Schleier und sein Verbot zum Anlass, einige Punkte herauszustellen, die unser Thema konturieren: Continue reading

prozess

Im Theater ist “der Prozess” ein Schlüsselbegriff– und zugleich höchst nebulös. Er erfährt dort Wertschätzung, wo Menschen Theater machen, nicht trotz sondern gerade weil Andere daran beteiligt sind. Von “Kunstvermittlung” kann dann aber kaum noch die Rede sein: Theaterpädagogik heute vermittelt nicht Theater, sondern will involvieren – in den Prozess. Nicht die Initiation in den Kultus staatstragender Hochkultur ist das Ziel, sondern die Öffnung Continue reading