late nite lacan: schön obszön! zu einer theorie der entrüstung

Noah Holtwiesche & Sándor Ivády
Montag, 06. Dezember 2010, 20:00 Uhr
IWK, Berggasse 17/1 (Wien)
- Eintritt frei -

»Das ist ja obszön!« – Banker-Boni, Burka, Sex und institutionelle Willkür – das Obszöne erregt die Gemüter und ist nicht erst seit Gestern en vogue. Längst nicht mehr nur Mittel künstlerischer Provaktion oder Ausdruck religiöser Eitelkeiten, ist aus der Empörung über das Obszöne ein wichtiges politisches Instrument geworden. Was aber bringt ein Subjekt dazu, sich vor aller Welt zu empören, und sich damit der Erniedrigung hinzugeben, so anklagend seine Ohnmacht angesichts der ihm ins Auge springenden Obszönität öffentlich darzustellen? Die Funktion des Zeigens ist entscheidend, und zwar in einem doppelten Sinn: Das Hinweisen auf eine Gesetzesübertretung weist zugleich zurück auf das sich lächerlich spießig an das Gesetz klammernde Subjekt, und belegt damit, wie sehr es von diesem abhängt. So bewahrt sich das Subjekt in diesem paradoxen Akt der Veräußerung eines Genießens an den Anderen insgeheim einen Teil davon. Wie trägt die Entrüstung zur Konstitution des Subjekts bei? Welches Verhältnis zum Gesetz artikuliert sich in der öffentliche Empörung? Anhand dieser Leitfragen entwickeln wir unseren Beitrag.

signifying nothing – lieber noch das nichts wollen, als nicht wollen

das ist das skript einer performance, die auf dem 3. internationalen performance art-festival in frankfurt/main stattfand. keine video- oder photodokumentation.

Die Performance beginnt jetzt. Es ist Freitag, der 7.7.2006, xy Uhr xx nach christlicher Zeitrechnung. Nach islamischem Kalender ist yaum al-dschum`a, 11. Dschamadi ath thani 1427. Nach jüdischer Zeitrechnung ist heute der 12. Tammuz 5766, und es ist (Uhrzeit minus 18h) Ich befinde mich
in der Galerie Wildwechsel
in der Rotlintstr. 98
in Frankfurt
Hessen
in Deutschland
Europa
auf der Erde
im Sonnensystem
im Orionarm der Michstraße Continue reading

poesie der globalisierung – kritik zu “container love”

Anspruchsvoll: “Container Love”, eine Performance in der Stauerei – von Sven Garbade.

Bremen. Es zählt nicht unbedingt zu den Selbstverständlichkeiten im freien Theater, dass relevante Themen anspruchsvoll und gleichzeitig unterhaltsam eingerichtet werden. Umso erfreulicher wirkt deshalb eine kleine Theater-Performance mit dem Titel “Container Love”, die zur Zeit in der Stauerei läuft. Hier haben Katrin Bretschneider, Noah Holtwiesche und Christoph Glaubacker ein vergnügliches Spiel um die “Wunderkisten der Weltwirtschaft” inszeniert. Und tatsächlich erkunden die drei Theatermacher damit etwas, was sie augenzwinkernd die “poetische Dimension der Globalisierung” nennen.
Themengerecht findet die Performance (in Kooperation mit der Schwankhalle) in einem ehemaligen Lagerschuppen statt. Zu Beginn herrscht hier gedämpfte Bar-Atmosphäre, man gibt sich ein bisschen verträumt, leicht hingetupfte Piano-Klänge rieseln ins Ohr. Zwei Herren in Smokings und eine Dame im Abendkleid fungieren als Croupiers. Das große Geld darf wie die “Brandung an der Bugwelle eines Containerschiffes” rollen. Von jedem Zuschauer haben die drei Spieler zu Beginn einen Gegenstand kassiert, einen Wetteinsatz quasi. Denn die Welt ist ja (was sonst?) ein Casino.
Dann wird der tollkühne Versuch unternommen, die Menschheitsgeschichte in einer Minute nachzuerzählen: vom Urknall über Marco Polo bis zum heutigen Warenfluss. Die Einzeletappen werden lässig begrüßt, als wären sie Neuankömmlinge in einer Stammkneipe namens Evolution: “Hallo Mensch!”, sagt die Dame im grünen Kleid, und gleich darauf ist auch schon der Tauschhandel erfunden: “Hallo Geld!”
In diesem sanften Parlando geht es weiter bis zur Geschichte der Bremer Überseestadt. Diese wird auf einer Geländekarte mit selbst gebastelten Lagerhäuschen nachgespielt. Ein gewisser Henning Scherf spaziert wie im Kinderspiel hinein: “Moin, ich bin hier der Bürgermeister! Mönsch, ischa gar nichts mehr los hier in meinem Hafen!”
Die großen Container ziehen zu diesem Zeitpunkt längst an Bremen vorbei. Leuchtstreifen auf dem Boden dienen in dieser Inszenierung als Markierungen, um das weltumspannende Netz der schwimmenden Transporter anzudeuten. So kann die gedankliche Reise an diesem Theaterabend ganz herrlich unverkrampft bis zur nächsten Hafenkneipe und dann um die ganze Welt gehen. Ein originell und unterhaltsame Expedition ist dies in jedem Fall.

Weser-Kurier, 19.09.2010

“i am not a testscore” – “performance principle” und schule

1

Was macht ein Projekt wie “GOO” samt “gooland.at” und “Macht/Schule/Theater” heute möglich?  Eine Reihe glücklicher Umstände, gewiss – und zu diesen glücklichen Umständen gehört zu allererst  der Wille vieler Menschen, ihre Bereitschaft, etwas möglich zu machen und  vom alltäglichen Fahrplan ihrer Arbeit abzuweichen. Doch wenn wir diese glücklichen Umstände für einen Augenblick beiseite lassen, so stellt sich die Eingangsfrage anders: Was sind die historischen und gesellschaftlichen sowie kulturellen Bedingungen für GOO?

2

Diese Bedingungen sind in Veränderungen zu suchen, die die Institution Schule heute erfassen und vielleicht mehr als jemals zuvor die Frage aufwerfen, was Schule sein soll, wie sie bilden und erziehen soll, was ihr gesellschaftlicher Auftrag ist.

Noch immer ist die Schule eine  Anstalt – eine Anstalt der Einübung von Disziplin und Ordnung. Dieser abgegrenzte Raum der Anstalt wurde zusammen mit den Nationalstaaten des 18. und 19. Jahrhunderts hervorgebracht. Parallel zur territorialen Organisation des Staates entwickelte sich eine innere Raumordnung, die verschiedene Funktionen räumlich isoliert und so kleine soziale Mikrokosmen mit eigenen Organisationen und Regeln erzeugt. In den Anstalten erlangt, mit Michel Foucault gesprochen, die unpersönliche Macht der Gesellschaft Herrschaft über die Subjekte , indem es sie als Subjekte überhaupt erst hervorbringt. Durch Erzeugung eines dichten Rasters an Körpertechniken, die die Subjekte klassifizierbar, verwaltbar und kontrollierbar machen, wurde neben dem Militär  die Schule zur zentralen Institution der Vergesellschaftung.
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der körper als rest – zur funktion der zeit in der performance art

Die Krücke der Zeit richtet mehr aus
als die eiserne Keule des Herkules. (Gracián)

„No rehearsal, no predicted end, no repetition“. – Das war das Motto für die Performance „Expansion in Space“ des Künstlerpaars Marina Abramović und Ulay (Uwe Laysiepen), die während der Documenta 6 im Juni 1977 in einem Parkhaus in Kassel stattfand. Sie wurde als Teil einer Serie von Performances mit dem Namen „Relation Works“ realisiert, für die die Künstler dieses Motto ausgegeben hatten. Wie andere Performances dieser Reihe wurde sie vorher weder geprobt noch wiederholt und als einmaliges Ereignis konzipiert und durchgeführt. Nachstehend orientiert sich die Analyse von „Expansion in Space“ an folgender Frage: Wie erscheint der Körper in der Zeit der Performance? Bevor ich die Performance Continue reading

theatricality and the media in michael fried’s “art and objecthood”

This essay recalls Michael Fried’s theoretical framework of his essay “Art and Objecthood” (1967) and discusses the usefullness of his category of theatricality for the understanding of new art forms.

The emergence of a number of new art forms in the course of the development and spreading of digital media – e.g. interactive art, netart, immersive environments – has once more challenged our ideas about the perception of art. The variety of new forms makes it difficult to give an Continue reading

obszön oder okzident kapital voodoo

eine essay-performance von OTMAR WAGNER

mit:
STEFANIA AMISANO (Keyboard & Pianos),
NOAH HOLTWIESCHE (Sidekick),
ARMIN CHODZINSKI,
LENA WICKE-AENGENHEYSTER (Special Guests),
OTMAR WAGNER (Konzept & Performance)
mit Dank an MICHAEL STROHMANN für die Videoprogrammierung

Fr 01. und Sa 02. Oktober 2010, 20:00 Uhr
im WUK Wien
Währingerstr. 59, A-1090 Wien
Karten und Infos: 0043-(0)-1-40 121-70, tickets@wuk.at, www.wuk.at

Es geht um Schlaraffenland, obszöne Gesten und Google Street View. Es geht um Baudrillard, Burka, Business Punk. Es geht um Leberwurst und um den Körper als Kapital.
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der schleier als symptom des liberalen subjekts. zur identifizierung des unidentifizierbaren

zusammen mit ANDREA WALD

In the nomadic vision of the world, where one rejoices at the incessant circulation and exchange of bodies, it is clear that a coin can think itself the freest thing in the world: it is what circulates the most.
(Alain Badiou, Polemics)

Nackte Tatsachen
Anlässlich des Beschlusses des belgischen Parlaments, die Vollverschleierung von Frauen in der Öffentlichkeit unter Strafe zu stellen, äußerte sich die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Silvana Koch-Mehrin am 2. Mai 2010 in der Bild am Sonntag mit einem Gastbeitrag zur Burkadebatte:

Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland – und in ganz Europa – das Tragen aller Formen der Burka verboten wird.
Wer Frauen verhüllt, nimmt ihnen das Gesicht und damit ihre Persönlichkeit. Die Burka ist ein massiver Angriff auf die Rechte der Frau, sie ist ein mobiles Gefängnis.
Die vollständige Verhüllung von Frauen ist ein aufdringliches Bekenntnis zu Werten, die wir in Europa nicht teilen.
Und ich gebe offen zu: Wenn mir auf der Straße voll verschleierte Menschen begegnen, bin ich irritiert. Ich kann nicht einschätzen, wer da mit welcher Absicht auf mich zukommt. Ich habe keine Angst, aber ich bin verunsichert.

Nehmen wir diesen Beitrag zur Debatte um den Schleier und sein Verbot zum Anlass, einige Punkte herauszustellen, die unser Thema konturieren: Continue reading