die monstranz des subjekts. verhüllung als ‘obszöner’ akt

Der folgende Text ist die Kurzfassung eines Textes, der in Skug 90 (2012), S. 42-43 erschien.

Die Underground Opera »Monsterfrau« und »THIS IS NOT A BURKA! Just clothes« von Lena Wicke-Aengenheyster.

Bei aller Entblößtheit, bei all dem, was aktuell als »Pornographisierung der Gesellschaft« oder »Medikalisierung der Schönheit« diskutiert wird, bei all den Versuchen von Frauen, sich und ihren Körper bedingungslos dem Regime der Sichtbarkeit zu unterwerfen, drängt sich der Eindruck auf, dass Nacktheit nie so kleidsam war wie heute. Die Nackten sind nicht mehr nackt, sie sind vielmehr in ihre Nacktheit gekleidet. Continue reading

rahmen und präsenzwirkungen – überlegungen anhand der minimal art

Der folgende Text ist erschienen in:
Sagen wir wie. Der theaterpädagogische Salon. Hrsg. v. Theater an der Parkaue. Junges Staatstheater Berlin 2012, S. 9-11

Präsenz ist im Bereich von Theater und Performance, trotz der vielfachen Versuche, sie von Seiten der Theorie für falsch, illusorisch und ideologisch zu erklären, eine Erfahrungswirklichkeit von Zuschauern und Produzenten geblieben, zumindest ein Objekt des Begehrens für viele von ihnen. Präsenz ist aber nicht nur in Theater und Performance von ästhetischer Relevanz – im Folgenden werde ich daher die kunstkritische Diskussion der Minimal Art heranziehen, um der Frage nachzugehen, wie die Erfahrung der Präsenz sich in Bezug auf mentale Rahmenkonstruktionen hinterfragen läßt.

Richard Wollheim hatte 1965 von Künstlern wie Sol LeWitt, Tony Smith, Donald Judd, Robert Morris u.a. den Namen Minimal Art gegeben und sie definiert als “a class of objects that … have a minimal art-content: … they are to an extreme degree undifferentiated in themselves and possess therefore very low content of any kind”. Der minimale Kunstgehalt Continue reading

signifying nothing – lieber noch das nichts wollen, als nicht wollen

das ist das skript einer performance, die auf dem 3. internationalen performance art-festival in frankfurt/main stattfand. keine video- oder photodokumentation.

Die Performance beginnt jetzt. Es ist Freitag, der 7.7.2006, xy Uhr xx nach christlicher Zeitrechnung. Nach islamischem Kalender ist yaum al-dschum`a, 11. Dschamadi ath thani 1427. Nach jüdischer Zeitrechnung ist heute der 12. Tammuz 5766, und es ist (Uhrzeit minus 18h) Ich befinde mich
in der Galerie Wildwechsel
in der Rotlintstr. 98
in Frankfurt
Hessen
in Deutschland
Europa
auf der Erde
im Sonnensystem
im Orionarm der Michstraße Continue reading

“i am not a testscore” – “performance principle” und schule

1

Was macht ein Projekt wie “GOO” samt “gooland.at” und “Macht/Schule/Theater” heute möglich?  Eine Reihe glücklicher Umstände, gewiss – und zu diesen glücklichen Umständen gehört zu allererst  der Wille vieler Menschen, ihre Bereitschaft, etwas möglich zu machen und  vom alltäglichen Fahrplan ihrer Arbeit abzuweichen. Doch wenn wir diese glücklichen Umstände für einen Augenblick beiseite lassen, so stellt sich die Eingangsfrage anders: Was sind die historischen und gesellschaftlichen sowie kulturellen Bedingungen für GOO?

2

Diese Bedingungen sind in Veränderungen zu suchen, die die Institution Schule heute erfassen und vielleicht mehr als jemals zuvor die Frage aufwerfen, was Schule sein soll, wie sie bilden und erziehen soll, was ihr gesellschaftlicher Auftrag ist.

Noch immer ist die Schule eine  Anstalt – eine Anstalt der Einübung von Disziplin und Ordnung. Dieser abgegrenzte Raum der Anstalt wurde zusammen mit den Nationalstaaten des 18. und 19. Jahrhunderts hervorgebracht. Parallel zur territorialen Organisation des Staates entwickelte sich eine innere Raumordnung, die verschiedene Funktionen räumlich isoliert und so kleine soziale Mikrokosmen mit eigenen Organisationen und Regeln erzeugt. In den Anstalten erlangt, mit Michel Foucault gesprochen, die unpersönliche Macht der Gesellschaft Herrschaft über die Subjekte , indem es sie als Subjekte überhaupt erst hervorbringt. Durch Erzeugung eines dichten Rasters an Körpertechniken, die die Subjekte klassifizierbar, verwaltbar und kontrollierbar machen, wurde neben dem Militär  die Schule zur zentralen Institution der Vergesellschaftung.
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der körper als rest – zur funktion der zeit in der performance art

Die Krücke der Zeit richtet mehr aus
als die eiserne Keule des Herkules. (Gracián)

„No rehearsal, no predicted end, no repetition“. – Das war das Motto für die Performance „Expansion in Space“ des Künstlerpaars Marina Abramović und Ulay (Uwe Laysiepen), die während der Documenta 6 im Juni 1977 in einem Parkhaus in Kassel stattfand. Sie wurde als Teil einer Serie von Performances mit dem Namen „Relation Works“ realisiert, für die die Künstler dieses Motto ausgegeben hatten. Wie andere Performances dieser Reihe wurde sie vorher weder geprobt noch wiederholt und als einmaliges Ereignis konzipiert und durchgeführt. Nachstehend orientiert sich die Analyse von „Expansion in Space“ an folgender Frage: Wie erscheint der Körper in der Zeit der Performance? Bevor ich die Performance Continue reading

theatricality and the media in michael fried’s “art and objecthood”

This essay recalls Michael Fried’s theoretical framework of his essay “Art and Objecthood” (1967) and discusses the usefullness of his category of theatricality for the understanding of new art forms.

The emergence of a number of new art forms in the course of the development and spreading of digital media – e.g. interactive art, netart, immersive environments – has once more challenged our ideas about the perception of art. The variety of new forms makes it difficult to give an Continue reading

der schleier als symptom des liberalen subjekts. zur identifizierung des unidentifizierbaren

zusammen mit ANDREA WALD

In the nomadic vision of the world, where one rejoices at the incessant circulation and exchange of bodies, it is clear that a coin can think itself the freest thing in the world: it is what circulates the most.
(Alain Badiou, Polemics)

Nackte Tatsachen
Anlässlich des Beschlusses des belgischen Parlaments, die Vollverschleierung von Frauen in der Öffentlichkeit unter Strafe zu stellen, äußerte sich die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Silvana Koch-Mehrin am 2. Mai 2010 in der Bild am Sonntag mit einem Gastbeitrag zur Burkadebatte:

Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland – und in ganz Europa – das Tragen aller Formen der Burka verboten wird.
Wer Frauen verhüllt, nimmt ihnen das Gesicht und damit ihre Persönlichkeit. Die Burka ist ein massiver Angriff auf die Rechte der Frau, sie ist ein mobiles Gefängnis.
Die vollständige Verhüllung von Frauen ist ein aufdringliches Bekenntnis zu Werten, die wir in Europa nicht teilen.
Und ich gebe offen zu: Wenn mir auf der Straße voll verschleierte Menschen begegnen, bin ich irritiert. Ich kann nicht einschätzen, wer da mit welcher Absicht auf mich zukommt. Ich habe keine Angst, aber ich bin verunsichert.

Nehmen wir diesen Beitrag zur Debatte um den Schleier und sein Verbot zum Anlass, einige Punkte herauszustellen, die unser Thema konturieren: Continue reading

prozess

Im Theater ist “der Prozess” ein Schlüsselbegriff– und zugleich höchst nebulös. Er erfährt dort Wertschätzung, wo Menschen Theater machen, nicht trotz sondern gerade weil Andere daran beteiligt sind. Von “Kunstvermittlung” kann dann aber kaum noch die Rede sein: Theaterpädagogik heute vermittelt nicht Theater, sondern will involvieren – in den Prozess. Nicht die Initiation in den Kultus staatstragender Hochkultur ist das Ziel, sondern die Öffnung Continue reading