signifying nothing – lieber noch das nichts wollen, als nicht wollen

das ist das skript einer performance, die auf dem 3. internationalen performance art-festival in frankfurt/main stattfand. keine video- oder photodokumentation.

Die Performance beginnt jetzt. Es ist Freitag, der 7.7.2006, xy Uhr xx nach christlicher Zeitrechnung. Nach islamischem Kalender ist yaum al-dschum`a, 11. Dschamadi ath thani 1427. Nach jüdischer Zeitrechnung ist heute der 12. Tammuz 5766, und es ist (Uhrzeit minus 18h) Ich befinde mich
in der Galerie Wildwechsel
in der Rotlintstr. 98
in Frankfurt
Hessen
in Deutschland
Europa
auf der Erde
im Sonnensystem
im Orionarm der Michstraße
in der Lokalen Gruppe des Virgo-Superhaufens
im Universum.
Im Weltall. Im Unendlichen. Im Einen, das alles enthält, das alles ist. Kein weniger und kein mehr. Alle Sterne sind vollzählig versammelt. Alle Planeten, Kometen, Asteroiden, Raumfahrzeuge, sämtliche Himmelskörper, schwarzen Löcher, dunklen Materien, Nebel und Wolken sind vollständig vorhanden. Das Weltall ist komplett, alles ist vorhanden, was nicht mehr ist, was noch nicht ist.
Alles, was nicht hier ist, ist woanders. Alles, was nicht jetzt ist, war oder wird sein.
Alle Materie. Es gibt keinen Verlust.
Jedes Ding. Ob Tische und Stühle, Gläser, Fußbälle, Kleidungsstücke, alles Wasser, aller Regen, alle Milch, Photographien, Senf und Würste, Autos, Fahrräder, kein Verlust.
Jedes Wesen. Es gibt keinen Verlust.
Jedes Tier. Jeder Mensch. Alle, die hier sind. Auch die, die heute nicht hier sind:
Horst Köhler, Jürgen Kohler, Christian Wörns, Olaf Thon, Jürgen Möllemann, Angela Merkel, Max Merkel, Max Morlock, Zinedine Zidane,
Phillip Lahm, Uta Schnell, Chris Burden, Christopher Hewitt, Judith Simon, Paul Simon, Bob Geldof, Blixa Bargeld, Johnny Cash, Buddy Holly, Ritchie Valens, John Denver, Glenn Miller, Aaliyah, Melanie Thornton, Robert Smithson, Buckminster Fuller, Ron Athey, Spalding Gray, James Cameron, Cameron Diaz, Doris Day, Judy Garland, Cary Grant, Ronald Reagan, Michael Snow, Otto Rehhagel, Alfred Adler, Virginia Woolf, der Dalai Lama, Yogi Löw, Birgit Prinz, Roland Kaiser, Stephen King, Martin Luther King, Hans Küng, Eugen Drewermann, Giordano Bruno, Nikolaus Kopernikus, Michel Foucault, Meister Proper, Mohammed Atta, Mohamad Zidan, Zinedine Zidane.
Helmut Rahn, Hannah Arendt, Hannah Wilke, Hanna Schygulla, Ottfried Fischer, Bobby Fischer, Sigfried und Roy, Roy Präger, Steffen Heidrich, Reinhard Heydrich, Martin Heidegger, Heinrich Himmler, Heiner Goebbels, Heinrich Heine, Heino, Hannelore, Helmut Kohl, Francois Mitterand, Jacques Chirac, Jacques Costeau, Zinedine Zidane,
Georges Bataille, Napoleon, Stalin, Lenin, Mao, Pol Pot, Fidel Castro, George Walker Bush, Britney Spears, Christina Aguilera, Samantha Fox, Emmanuelle 1 bis 7, Immanuel Kant, Tadeusz Cantor, Ayatollah Chomeneij, CC-Top, Karl Marx, The Marx-Brothers, Thorben Marx, Yildiray Bastürk, Michael Ballack, Zinendine Zidane.
Und noch viele mehr. Alle Menschen. Alle möglichen Arten von Menschen:
Alle Algerier, Arier, Hugenotten, Protestanten, Katholiken, Päbste, Mennoniten, Minoriten, Bolschewiken, Briefmarkensammler, Treckies, Clowns. Tänzer, Performance-Künstler, Bildhauer, russische Bildhauer, Petersburger Bildhauer, Fleischhauer, hessische Fleischhauer, Frankfurter Fleischbeschauer, Jäger, Politiker, Ingenieure, Forscher, Magier, Alchemisten, Schiedsrichter, Radfahrer, Autofahrer, Kutschenfahrer, Wasserträger. Menschen mit “Rodriguez” als Nachnahmen, mit “Müller” oder “Jones”. Menschen, die auf der nördlichen Hemisphäre leben, Menschen die schon mal auf der nördlichen Hemisphäre gelebt haben und jetzt auf der südlichen leben, Menschen, die schon mal auf der südlichen Hemisphäre gelebt haben und noch immer dort leben. Menschen, die anderen Menschen gehören, Menschen, die mit einem feinen Pinsel gemalt sind, Menschen, die sich andere Menschen nur ausgedacht haben, Menschen, die schon mal Kaffee in ihr Notebook gegossen haben, Menschen, die dies noch tun werden, Menschen, die dies noch tun werden und es nur noch nicht wissen.
Und noch mehr Menschen. Alle Menschen.
Und alles.
Alles, für das es Worte gibt und für das es keine Worte gibt. Alle Worte, die gerade gesprochenen, die vergessenen und die, die erst gefunden werden. Worte, die keiner aussprechen kann. Worte, die ich immer falsch schreibe. Alle Worte in allen Sprachen, auf allen Planeten, in allen möglichen Welten.
Alle Gedanken und Vorstellungen. Über Gott. Über das Böse. Über Engel. Über Dämonen, Gespenster, Schauspieler, Spieler, Fußballspieler. Über Zinedine Zidane. Über Fußbälle. Über Golfbälle. Über Golfschläger. Über Schläge auf dem Hinterkopf.
Über Sinn und Unsinn. Auch über das, was sich nicht denken läßt, was sich nicht vorstellen läßt. Über noch viel mehr.
Worte für das, was ist, aber auch Worte für das, was nicht ist. Was es nicht gibt. Nicht hier und nicht heute, nicht in Zukunft oder in der Vergangenheit, niemals und nirgends.
Worte für das Nichts. Für das, was nicht Ding und nicht Jemand ist. Kein Wesen – kein Seiendes. Nicht einmal das, was sich an der Stelle von Etwas befinden könnte. Nicht die Lücke, nicht das, was hier oder dort fehlt.
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Nichts.
Nicht weniger, sondern nichts.
Kein Anfang, kein Ende. Keine Performance: Nichts fängt an, nichts hört auf. Nichts ist dabei, zu geschehen. Nichts ist zu beobachten.
Nicht spontan-sein. Nicht sich akzeptieren, so wie man ist, mit allen seinen Fehlern und Schwächen. Nicht authentisch sein. Nicht natürlich wirken wollen. Nicht offen sein für Überraschungen. Nicht sich selbst respektieren. Nicht seine eigene Mitte finden. Nicht sich verwöhnen mit einem Vollbad zu klassischer Musik. Nicht selbst sein in allem, was man tut. Nicht sich nicht anpassen. Kein Entdecken der eigenen Möglichkeiten. Nicht lecker und leicht kochen. Nicht auf die innere Stimme hören. Nicht den eigenen Körper kennenlernen. Kein Optimieren der Orgasmusfähigkeit. Nicht sich nicht schuldig fühlen wollen. Nicht keine Schönheitsmagazine lesen. Nicht sonst sich häßlich fühlen. Nicht die eigenen Energien spüren.
Nicht sich üben in der Kunst des Lebens. Nicht im Hier und Jetzt sein. Nicht anderswo sein. Nicht gewesen sein. Nicht noch nicht sein. Nicht lebendig-sein wollen. Nicht lebendig sein.
Nicht tot-sein. Kein Gespenst, Geist, Phantom, Blendwerk, sein.
Nichts.
Kein Aufgeben. Kein Durchhalten.
Nicht doch mal wieder zu McDonalds gehen. Nicht erkältet im Bett liegen und sich leid tun. Nicht keine Fernbeziehungen mehr führen wollen. Nicht den fest Vorsatz fassen, mal wieder einen Brief schreiben zu wollen. Kein Vermissen. Kein Lieben. Keine Liebe. Kein Haß, nicht einmal Gleichgültigkeit. Keine Schwärmerei, keine Innigkeit, keine Anständigkeit, kein Groll, kein Bereuen, kein Großmut, kein Eifer, keine Lust, kein keine Lust.
Keine Animositäten. Keine Freundschaft.
Nicht nach-der-Performance-nach-Hause-gehen. Nicht nach-der-Performance-noch-ein-Bier-trinken. Kein sich breitschlagen lassen und sich mal wieder fürs Theater verabreden. Kein sich vor dem Theater treffen und dann doch lieber ins Kino gehen. Nichts.
Kein alles ganz anders machen.
Kein Kapitalismus und auch kein Anti-Kapitalismus, kein Kommunismus, kein Faschismus. Keine Globalisierung. Keine Ausländerfeindlichkeit, keine Ausländer. Keine Länder. Keine Städte und Dörfer.
Keine Alternativen. Keine Systemtheorie, kein Strukturalismus und auch kein Poststrukturalismus. Keine Immanenz. Keine Transzendenz.
Nichts.
Was ich nicht anfassen kann und was mich nicht berührt. Was ich nicht sehen kann, nicht riechen, nicht schmecken, nicht fühlen, nicht hören.
Was nicht Materie ist, aber auch nicht Geist, nicht Wesen, nicht Kraft, nicht Beziehung. Nicht Leben und nicht Bewußtsein, nicht Körper oder Form, nicht Vorstellung oder Idee, Qualität oder Zahl. Was über keine Eigenschaft verfügt. Nicht einmal über die, über keine Eigenschaften zu verfügen.
Was von allem Seienden unterschieden ist und doch keiner Unterscheidung sich beugt.
Nicht wenig. Nichts.
Kein Hier-Sein, kein Jetzt. Kein Etwas. Keine Fülle und keine Leere. Nichts.
Keine Worte mehr und keine Vorstellungen. Keine Gedanken. Nichts. Nicht das Wort “Nichts”. Nicht die Vorstellung vom Nichts mehr. Keine Gedanken mehr daran.
Nichts.
Auch kein Nichts mehr. Kein Nichts mehr. Nichts mehr.
Nichts.

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