poesie der globalisierung – kritik zu “container love”

Anspruchsvoll: “Container Love”, eine Performance in der Stauerei – von Sven Garbade.

Bremen. Es zählt nicht unbedingt zu den Selbstverständlichkeiten im freien Theater, dass relevante Themen anspruchsvoll und gleichzeitig unterhaltsam eingerichtet werden. Umso erfreulicher wirkt deshalb eine kleine Theater-Performance mit dem Titel “Container Love”, die zur Zeit in der Stauerei läuft. Hier haben Katrin Bretschneider, Noah Holtwiesche und Christoph Glaubacker ein vergnügliches Spiel um die “Wunderkisten der Weltwirtschaft” inszeniert. Und tatsächlich erkunden die drei Theatermacher damit etwas, was sie augenzwinkernd die “poetische Dimension der Globalisierung” nennen.
Themengerecht findet die Performance (in Kooperation mit der Schwankhalle) in einem ehemaligen Lagerschuppen statt. Zu Beginn herrscht hier gedämpfte Bar-Atmosphäre, man gibt sich ein bisschen verträumt, leicht hingetupfte Piano-Klänge rieseln ins Ohr. Zwei Herren in Smokings und eine Dame im Abendkleid fungieren als Croupiers. Das große Geld darf wie die “Brandung an der Bugwelle eines Containerschiffes” rollen. Von jedem Zuschauer haben die drei Spieler zu Beginn einen Gegenstand kassiert, einen Wetteinsatz quasi. Denn die Welt ist ja (was sonst?) ein Casino.
Dann wird der tollkühne Versuch unternommen, die Menschheitsgeschichte in einer Minute nachzuerzählen: vom Urknall über Marco Polo bis zum heutigen Warenfluss. Die Einzeletappen werden lässig begrüßt, als wären sie Neuankömmlinge in einer Stammkneipe namens Evolution: “Hallo Mensch!”, sagt die Dame im grünen Kleid, und gleich darauf ist auch schon der Tauschhandel erfunden: “Hallo Geld!”
In diesem sanften Parlando geht es weiter bis zur Geschichte der Bremer Überseestadt. Diese wird auf einer Geländekarte mit selbst gebastelten Lagerhäuschen nachgespielt. Ein gewisser Henning Scherf spaziert wie im Kinderspiel hinein: “Moin, ich bin hier der Bürgermeister! Mönsch, ischa gar nichts mehr los hier in meinem Hafen!”
Die großen Container ziehen zu diesem Zeitpunkt längst an Bremen vorbei. Leuchtstreifen auf dem Boden dienen in dieser Inszenierung als Markierungen, um das weltumspannende Netz der schwimmenden Transporter anzudeuten. So kann die gedankliche Reise an diesem Theaterabend ganz herrlich unverkrampft bis zur nächsten Hafenkneipe und dann um die ganze Welt gehen. Ein originell und unterhaltsame Expedition ist dies in jedem Fall.

Weser-Kurier, 19.09.2010

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