“i am not a testscore” – “performance principle” und schule

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Was macht ein Projekt wie “GOO” samt “gooland.at” und “Macht/Schule/Theater” heute möglich?  Eine Reihe glücklicher Umstände, gewiss – und zu diesen glücklichen Umständen gehört zu allererst  der Wille vieler Menschen, ihre Bereitschaft, etwas möglich zu machen und  vom alltäglichen Fahrplan ihrer Arbeit abzuweichen. Doch wenn wir diese glücklichen Umstände für einen Augenblick beiseite lassen, so stellt sich die Eingangsfrage anders: Was sind die historischen und gesellschaftlichen sowie kulturellen Bedingungen für GOO?

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Diese Bedingungen sind in Veränderungen zu suchen, die die Institution Schule heute erfassen und vielleicht mehr als jemals zuvor die Frage aufwerfen, was Schule sein soll, wie sie bilden und erziehen soll, was ihr gesellschaftlicher Auftrag ist.

Noch immer ist die Schule eine  Anstalt – eine Anstalt der Einübung von Disziplin und Ordnung. Dieser abgegrenzte Raum der Anstalt wurde zusammen mit den Nationalstaaten des 18. und 19. Jahrhunderts hervorgebracht. Parallel zur territorialen Organisation des Staates entwickelte sich eine innere Raumordnung, die verschiedene Funktionen räumlich isoliert und so kleine soziale Mikrokosmen mit eigenen Organisationen und Regeln erzeugt. In den Anstalten erlangt, mit Michel Foucault gesprochen, die unpersönliche Macht der Gesellschaft Herrschaft über die Subjekte , indem es sie als Subjekte überhaupt erst hervorbringt. Durch Erzeugung eines dichten Rasters an Körpertechniken, die die Subjekte klassifizierbar, verwaltbar und kontrollierbar machen, wurde neben dem Militär  die Schule zur zentralen Institution der Vergesellschaftung.

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Die Schule lässt sich nach Foucault als eine “Heterotopie” verstehen: Strukturelle Geschlossenheit, der Rückzug der disziplinierenden Techniken hinter die Mauern ihrer Institution war lange Zeit eines ihrer wichtigsten Merkmale. Darin gleicht sie vielen Heterotopien, die sich  im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt haben: Kaserne, Gefängnis, Irrenanstalt, Friedhof.

In “Überwachen und Strafen”  beschreibt Foucault das Spektakel der öffentlichen Hinrichtung des Königsmörders Damiens 1757 und stellt diesem Schauspiel des Schreckens die in den nachfolgenden Jahren stattfindende Organisation der Disziplinierung gegenüber, die hinter verschlossenen Riegel, den Augen der Öffentlichkeit verborgen, ihre Macht auf das einzelne Subjekt entfaltet. Übertragen auf die Schule als Heterotopie heißt das, daß eine Tendenz zur Enttheatralisierung die Schule und andere gesellschaftliche Institutionen seit dem 19. Jahrhundert prägte. So, wie die Bestrafung der Deliquenten im Laufe der Neuzeit vom öffentlichen Raum hinter die Mauern der Gefängnisse rückte, so ist die Erziehung und Bildung von Kindern hinter dicke Anstaltsmauern verlegt worden. Im Vergleich zu anderen Anstalten sind diese Mauern zweifelsohne durchlässiger, jedoch enthält die Heterotopie Schule nahezu alle: Segmentierung der Schüler in Alters- und Leistungsgruppen, Kontrolle und Disziplin, ein Regelwerk an  Verboten samt Strafmaßnahmen-Katalog, nicht zuletzt seit 1774 einer Schulpflicht, die sich jedes Subjekt zu unterwerfen hat.

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In den letzten Dekaden hat jedoch eine zuerst kaum merkliche, gesamtgesellschaftliche Veränderung eingesetzt, die die Disziplin und damit auch die Heterotopie Schule in ihrer vom 19. Jahrhundert herkommenden Funktionsweisen in Frage stellt. Es ist diese Entwicklung, die, gesamtgesellschaftlich betrachtet, ein Projekt wie GOO überhaupt erst möglich macht.

Ich möchte diese Entwicklung mit einem Begriff der 68er charakterisieren, den Herbert Marcuse geprägt hat und der mit “Leistungsprinzip” nur sehr unzulänglich übersetzt wurde: das “performance principle”. “Leistungsprinzip” ist deswegen nur eine unzureichende Übersetzung, weil es eine Potenz im Begriff tilgt, die Marcuse freilich selbst kaum im Blick hatte. Marcuse beschreibt das “performance principle” als  Verschärfung des Realitätsprinzips, jenen Prinzips, das Freud dem Lustprinzip des einzelnen Subjekts gegenübergestellt hat und das es zwingt, seine unmittelbare Lustbefriedigung aufzuschieben, um  der Not des Lebens gerecht zu werden und damit zu überleben. Das “performance principle” ist die Verschärfung des Realitätsprinzips unter den Bedingungen des Kapitalismus: Es ist markiert durch die Notwendigkeit, nicht nur wegen der Not des Lebens zu arbeiten, sondern durch die Arbeit einen Mehrwert zu produzieren, den sich der Besitzer der Produktionsmittel aneignet und als Reichtum abschöpft. Da aber nicht die Subsistenz, sondern der Gewinn als Maß dient, und man nie genug Gewinn erzielen kann, verschärft die kapitalistische Ökonomie beständig den Leistungsdruck auf die Arbeiter, die nicht im Besitz der Produktionsmittel sind. Im “performance principle” schlägt sich daher nach Marcuse als “surplus repression” dieses “Mehr” des Kapitalismus nieder, das durch keinerlei Maß begrenzt werden kann. Zu allem Unglück ist nach Marcuse dieses “performance principle” von nahezu allen Gesellschaftsmitgliedern internalisiert worden ist.  Daher entspricht das “Mehr” des Kapitalismus auch der Maßlosigkeit unseres Über-Ichs, welches uns beständig schuldig spricht, nicht genug geleistet zu haben. So “leiste” ich in jedem Lebensbereich und  versuche immer eine Top-Performance abzuliefern, auch wenn niemand sie von mir eingefordert hat. Das Leistungsprinzip wird zu einer diffusen, jederzeit wirksamen Organisationsform sowohl auf individueller als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene.

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Marcuses Vorstellungen klingen nicht nur romantisch – als wenn es Unterdrückung und Leistungsprinzip nur im Kapitalismus gegeben hätte. Zudem entwickelte  Marcuse seine Theorie des “performance principles” 1955 mit Blick auf eine Arbeitswelt, die sehr an Chaplins “modern times” erinnert und durch die Stichworte Taylorismus, Fordismus und “scientific management” hinreichend beschrieben ist. Diese rigide, durch Segmentation und Standardisierung bestimmte Organisation der Produktionsprozesse aber war wenige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg einer ganz anderen Organisationsform der Arbeitsprozesse gewichen: dem “performance management”. Das “performance management” versucht, alle Input- und Output-Faktoren einer Organisation und deren Verhalten in einer Umwelt  in einem komplexen Netzwerk von Interdependenzen zu berücksichtigen.

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Dieser Wechsel vom “scientific management” zum “performance management” läßt sich auch an der Anstalt der Schule beobachten. Schule  wird heute nicht mehr als mechanische und modularisierte Lernfabrik begriffen: Ihr Produkt soll ja nicht gute Schüler sein, sondern verantwortungsvolle und auf das Leben gut vorbereitete Menschen. Entsprechend wurde die Schule als Sozialisierungsinstanz immer mehr aufgewertet und mit verschiedensten Ansprüchen überfrachtet, was den Schülern noch alles zu beizubringen ist. Deutlich zeigt sich diese Entwicklung daran, daß die Schule der Familie den Rang als zentrale Erziehungsinstanz mehr und mehr streitig macht.

Die Gesellschaft des “performance principles” unterwirft alles und jeden einem “performance measurement”. War Schule bis vor wenigen Jahren im Wesentlichen eine Institution, die die Performance des Schülers mißt, so wird heute die Leistung des Systems Schule im nationalen und internationalen Vergleich gemessen. Aber mit der Durchsetzung des “performance principles” verändert sich dieses auch: Die Messung orientiert sich nicht mehr an einige wenige Kriterien und Parameter, sondern zielt darauf, sämtliche Interaktionen und Bezüge des Systems Schule mit der Umwelt in eine globale Input-Output-Rechnung einzubeziehen. Und natürlich werden auch die Lehrer nach Leistung beurteilt – nicht erst seit www.spickmich.de.

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Die Schule als gesellschaftliche Institution im Sog der gesamtgesellschaftlichen Durchsetzung des “performance principles” unterliegt nun einem Problem: Wie alles, was unter dem Signum des “performance principles” steht, befindet sie sich in einer beständigen Legitimationskrise: Tötet die Schule die Kreativität unserer Kinder, macht sie sie zu unmündigen Menschen? Vermittelt sie nicht genug, worauf es im Leben ankommt? Kann sie im internationalen Vergleich mithalten? – Der Versuch, die Gesamtheit der Interaktionen zwischen Schule, Schülern, Gesellschaft und anderen Instanzen zu erfassen führt zu einer beständigen Befragung der Beurteilungskriterien der Schule selbst. Wie das Über-Ich, das radikal jede Regung des Subjekts kritisch befragt, so nagen auch an der Anstalt Schule jederzeit radikale Infragestellungen und prinzipielle Kritik. Was durch das Prinzipielle der Legitimationsfrage zuerst verloren geht, sind die Kriterien und Parameter für eine Beurteilung der Schule.

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In dieser Situation totaler Delegitimierung kommt nun die zweite Bedeutung des Wortes “performance” ins Spiel. Denn gerade dort, wo Leistungen nicht mehr einfach meßbar sind, wird es zum Teil der Leistung, diese zu zeigen. Beide Wortbedeutungen von “Performance” zusammenbringend kann man sagen: Man performt seine Performance, d.h. man leistet seine Performance und performt seine Leistung, was nichts anderes ist, als sich beständig in der Situation der Legitimierung gegenüber möglichen und unbekannten Kritikern zu befinden.

Die Schule kann sich nicht einfach dieser Dynamik hinter den Mauern ihrer Institution entziehen. Bestand ihr Funktionierung lange Zeit darin, sich einer theatral organisierten Öffentlichkeit zu entziehen, ist sie nun zu ihrer Legitimierung auf diese angewiesen, auf  die Erzeugung einer öffentlichen Meinung und auf deren Aufmerksamkeits-Ökonomie – nicht zuletzt wegen dieser Öffentlichkeit, sondern vor allem zur Legitimisierung vor sich selbst.

In genau dieser Konstellation findet GOO und ” Macht/Schule/Theater” statt. Denn diese Projekte zeigen – “performen” – die Zukunftsfähigkeit der Schule, ihren um die Gesamtpersönlichkeit der Schüler bemühten Ansatz, ihre Arbeit an gesellschaftlich relevanten Problemen etc.

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Doch GOO mit den von toxic dreams entwickelten Arbeits- und Produktionsformen spitzt diese Konstellation noch zu, indem es sich auf ganz eigene Weise in die globale Tendenz zum “performance principle” einschreibt. Diese  Zuspitzung läßt sich an einem Element aus GOO festmachen mit dem in verschiedenen Konstellation gearbeitet und experimentiert wurde: “Jai Ho”.

“Jai Ho” aus dem Film “Slumdog Millionaire”, der vielleicht berühmtesten Tanz der Filmgeschichte der letzten Jahre, wurde bei den Workshops als Vorlage für die Einübung eines Tanzes  mit den SchülerInnen genutzt.  Und es ist gerade dieser Tanz, dieser Song, dieser Film, welche in der Arbeitssituation von “Goo” eine bemerkenswerte Resonanz finden. In der Geschichte des Filmes läßt sich ohne eine paradigmatische Szene des “performance principles” erkennen: Die Quizshow, in der die Kandidaten eben nicht nur eine Leistung erbringen, indem sie Antworten auf abwegige Fragen wissen, sondern diese  auch zeigen – “performen”. Dabei steht nicht nur der Gewinn von Geld auf dem Spiel, sondern die ganze Existenz des Protagonistem Jamal, die gesellschaftlichen Problem des modernen Indien, nicht zuletzt die Liebe zu Latika, die in den Verwicklungen um die Performance auch noch gleich gewonnen wird. Nach der Performance folgt  die weitere Performance: “Jai Ho” als Finale des Films. – Für die Einübung mit den Schülerinnen wurde aber eine andere Version als die offizielle, auf Youtube zu sehende Schlußszene des Films gewählt. Sie stammt von einem Geschwisterpaar, die in ihrem Wohnzimmer die Choreographie zu “Jai Ho” rekonstruiert haben und  zum laufenden Fernseher im Hintergrund performen.


Jai Ho du Film Slumdog Millionnaire
Hochgeladen von VaiavyMeva. – Sieh mehr Musikvideos, in HD!

“Performen” ist dabei in dem doppelten, eng verschlungenen Sinn des “performance principles”  zu verstehen. Das Geschwisterpaar zeigt nicht nur ihre Performance des Tanzes, sondern sie erbringt zugleich eine Leistung, denn ihr Video ist für eine Internetplatform gedacht, www.zinch.com, auf der Schulabgänger durch “Performances” Hochschulen und weiterführende Bildungsinstitutionen auf sich aufmerksam machen können. “Showcase yourself” wird man beim Aufruf der Seite aufgefordert, und der Wahlspruch ist “I am more than a test score”  – ein Spruch, den der Bruder im Wohnzimmer-Video geradezu wütend uns Zusehern zuruft.

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In dieser durch den Song “Jai Ho” und der dazugehörigen Choreographie entfalteten Konstellation zeigt sich die Wirksamkeit des weltweiten “performance principles”. Der engen Verknüpfung von Leistung und Aufführung aber wurde sich in GOO nicht unterworfen. Weder die Schüler und Schülerinnen noch die am Projekt beteiligten KünstlerInnen haben sich der Macht des “performance principles” in dieser repressiven Form  gebeugt. Statt dessen haben wir unsere gemeinsame Zeit während GOO  als Freiraum und kurze Auszeit vom globalen Sich-Zeigen- und Leisten-Müssen genutzt: Wir haben experimentiert, uns amüsiert, gestritten, manchmal sind wir auch nur albern gewesen. Wir haben viele Dinge erfahren und wahrscheinlich sogar etwas gelernt. Die Präsentationen der nächsten Wochen werden davon einen Eindruck geben. Wir werden dann sogar etwas aufgeführt haben, “performt”  haben – aber Leistungen im Sinne des “performance principles” werden wir nicht gezeigt haben.

dieser text erschien auf der homepage des schultheater-projektes GOO, gooland.at, das die theatergruppe toxicdreams an zwei wiener schulen durchführte.

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