prozess

Im Theater ist “der Prozess” ein Schlüsselbegriff– und zugleich höchst nebulös. Er erfährt dort Wertschätzung, wo Menschen Theater machen, nicht trotz sondern gerade weil Andere daran beteiligt sind. Von “Kunstvermittlung” kann dann aber kaum noch die Rede sein: Theaterpädagogik heute vermittelt nicht Theater, sondern will involvieren – in den Prozess. Nicht die Initiation in den Kultus staatstragender Hochkultur ist das Ziel, sondern die Öffnung der Arbeitsprozesse des Theaters auf die Lebensbedingungen und Erfahrungen der am Prozess Beteiligten. So bewegen sich ambitionierte theaterpädagogische Methoden weg vom rollenzentrierten Arbeiten. Der Hinweis auf den Prozess legitimiert dabei nicht nur das Aufbrechen althergebrachter Theatertraditionen, sondern auch einen Umschwung in der Theaterpädagogik: Nicht Vermittlung ist ihr vorrangiges Ziel, sondern Mit-Teilung von Theater und Kunst innerhalb eines durch “den Prozess” gestifteten Erfahrungsraumes.

In dieser Lage, in der Theaterarbeit durch den Prozess ästhetisch und pädagogisch legitimiert wird und in der wir vom anderen vielleicht nichts mehr erwarten, als dass er am Prozess teilnehme, sollten wir uns die Frage stellen: Was ist “der Prozess”? Für Außenstehende gibt es oft nicht viel wahrzunehmen – Prozesse kann man nicht anfassen, nur erfahren. Dass der Prozess aber eine rein mentale Größe ist, wird einem nur selten bewusst, da man sich selbst gerade in irgendeinem Prozess wähnt oder zumindest gewillt ist, prinzipiell an den Prozess zu glauben. Es stellt sich somit die Frage, ob “der Prozess” nicht einfach eine Illusion ist, welche uns erlaubt, unsere Augen von den Diskontinuitäten und Kontingenzen der modernen, kapitalistischen Lebensform abzuwenden und uns stattdessen in die Geborgenheit einer lebensweltlichen und verbindlichen Gemeinschaft zurückzuziehen. Dieser Gedanke legt offen, dass selbst eine Legitimierung der Theaterpädagogik durch den Prozess ihre grundlegende Spaltung zwischen Konfrontation mit der harten Realität und Kompensation jener nicht zu lösen vermag.

Und doch ist der Prozess nicht einfach eine Illusion, eben weil wir an ihn glauben und dieser Glaube welterzeugend wirkt. Wie würde Theaterarbeit wohl auch ohne unseren Glauben an den Prozess aussehen? Rufen wir uns mit dem Rechtswesen und der industriellen Produktion zwei andere Verwendungskontexte des Wortes in Erinnerung. Die Charakteristika ihrer Prozesse braucht man nur von all dem abzuziehen, was “den Prozess” im Theater ausmacht, um jenes Surplus zu erhalten, das seine Erfahrung kennzeichnet: Unkontrollierbare, verteilte Kreativität, Unvorhersehbarkeit der Synchronien, unbewusste Dynamiken und Widerstände sowie unauflösbare und doch fragile Interdependenzen – und noch so viel mehr, was sich als Ganzes eben nur durch das Wort “Prozess” erfassen lässt. Es handelt sich folglich bei “dem Prozess” um einen Herrensignifikanten im Sinne Jacques Lacans, um ein privilegiertes Element unserer Wirklichkeit, von dem aus andere Elemente ihre Funktion zugewiesen bekommen und der die Einheit ihrer Widersprüche und Brüche gewährleistet.

Als Herrensignifikant eignet dem Prozess eine besondere Zeitlichkeit. Die Etymologie des Wortes vom lateinischen procedere – vorwärtsgehen, vortreten – legt eine sukzessive Ordnung nahe, als ob ein Entwicklungsmoment auf das vorherige folgen würde. Jedoch erschließt sich von der Gegenwart her kein Prozess – er wird nur durch Antizipation erfahrbar: Der Prozess wird stattgefunden haben. Das futurum exactum kennzeichnet somit sein Werden. Die Vielfalt der Wendungen, kritischen Punkte und bangen Fragen, die sich uns während eines Prozesses stellen – Ist der andere im Prozess oder blockiert er ihn? Wohin führt der Prozess? – können sich nur im Modus antizipierter Gewissheit überhaupt artikulieren. Von seinem Ende her gedacht, werden solche Fragen und die vielen zersplitterten Ereignisse als Teil eines Prozesses erfahrbar: Wir handeln, als ob der Prozess (schon) Wirklichkeit wäre, und dadurch verändern wir diese. Darin liegt die performative, die welterzeugende Kraft des Herrensignifikanten “Prozess”.

Dieser Text ist erschienen in “Sagen wir wir – Kunstvermittlung als künstlerische Praxis”, Beileger zu Theater der Zeit 04/2010, anläßlich des fünfjährigen Jubiläums der Winterakademie am Theater an der Parkaue, Berlin.

Eine erste Version ist anläßlich des Projekts “Goo” von Toxic Dreams an dieser Stelle veröffentlicht worden.

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